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Aufgrund des satirischen Wahlkampfes der Spaßdemokraten werde ich den umgekehrten Spieß aufnehmen und sachorientierte Argumente und Politik beschreiben, statt Schneebilder durchgefrorener Menschen mit Texten teilen. #Zwinkergesicht
Klimarisikoindex
Der Klimarisikoindex des Instituts der deutschen Wirtschaft und der Ergo Versicherung weist Wilhelmshaven aktuell den bundesweit höchsten Wert von 5,7 zu. Bis zum Jahr 2050 soll dieser Wert auf 5,9 steigen. In der öffentlichen Debatte bleibt diese Zahl oft abstrakt oder wird moralisch aufgeladen, während die konkreten ökonomischen und sozialen Folgen für Wohnen, Eigentum und Investitionen selten benannt werden. Dabei ist die 5,9 keine theoretische Größe. Solche Bewertungen wirken sich unmittelbar auf praktische Entscheidungen bei Versicherungen, Banken und auf dem Immobilienmarkt aus. Damit betreffen sie uns als Eigentümer, Mieter, Käufer und Verkäufer gleichermaßen.
Versicherung und Alltagskosten
In der Versicherungswirtschaft dienen Klimarisiken nicht der Diskussion, sondern der harten Kalkulation. Regionen mit erhöhtem Risiko werden in interne Gefährdungsklassen eingeteilt, die sich an Überschwemmungsgefahr, Starkregen und anderen Extremwetterereignissen orientieren. Für Hauseigentümer stellt sich daher eine einfache, aber folgenreiche Frage: Bleibt die Absicherung bezahlbar oder steigen die Prämien deutlich an? Eine Beispielrechnung verdeutlicht die Dimension: Liegt die Jahresprämie für eine Elementarschadenversicherung heute bei etwa 300 Euro und steigt perspektivisch auf 900 oder sogar 1.200 Euro, wird aus einer statistischen Kennzahl ein massiver Kostenfaktor. Da diese Kosten nach geltendem Recht auf Mieter umgelegt werden können, tauchen sie direkt in den Nebenkosten auf. Aus wenigen Euro pro Jahr können so schnell dreistellige Beträge werden, was besonders in Mehrfamilienhäusern die soziale Stabilität des Wohnens unter Druck setzt.
Immobilienmarkt und Wohneigentum
Solche Entwicklungen betreffen jedoch nicht nur einzelne Haushalte, sondern den gesamten Immobilienmarkt. Steigende laufende Kosten wirken sich zwangsläufig auf Kaufentscheidungen, Preise und die langfristige Werthaltigkeit aus. Auch Banken berücksichtigen Klimarisiken zunehmend bei der Kreditvergabe. Wenn ein Standort als risikobehaftet gilt, kann dies dazu führen, daß Immobilien bei Finanzierungen vorsichtiger bewertet werden. Käufer benötigen dann mehr Eigenkapital oder erhalten schlechtere Konditionen. Für viele Menschen geht es dabei um weit mehr als eine reine Investition: Wohneigentum ist oft der zentrale Teil der privaten Altersvorsorge. Die Frage, wie stabil Wiederverkaufswerte in einer Stadt mit hohem Klimarisiko bleiben, ist daher von existenzieller Bedeutung.
Wohnungswirtschaft und Mietstabilität
Ein wichtiger Teil des Marktes wird in Wilhelmshaven durch kommunale und genossenschaftliche Wohnungsbaugesellschaften getragen, etwa durch Spar und Bau sowie den Rüstringer Bauverein. Sie stehen für langfristiges, bezahlbares Wohnen und stabile Quartiere. Doch auch sie sind von steigenden Versicherungsprämien, höheren Bauanforderungen und zusätzlichen Vorsorgemaßnahmen betroffen. Diese Kosten lassen sich nicht unbegrenzt auffangen und wirken mittelbar auf Spielräume für Investitionen und Sanierungen. Gleichzeitig besteht der weitaus größere Teil des Marktes aus privaten Eigentümern und Vermietern. Auch hier stellt sich die Frage, wie dauerhaft steigende Risiken die Attraktivität des Standorts beeinflussen.
Standort und Zukunftsfähigkeit
Ein Klimarisikoindex prägt zudem das Bild einer Stadt nach außen. Wie attraktiv bleibt Wilhelmshaven für Fachkräfte, Familien und Unternehmen, wenn der Standort langfristig als Hochrisikoregion wahrgenommen wird? Es stellt sich die Frage, wie es zusammenpaßt, daß zwar große staatliche Investitionen in neue Energie-Infrastrukturen fließen, während für die Menschen vor Ort das persönliche Lebensrisiko und die Wohnkosten steigen. Hinzu kommt die Frage der kommunalen Leistungsfähigkeit: Kann eine Stadtverwaltung, die durch industrielle Großprojekte bereits stark gefordert ist, zugleich die notwendigen Investitionen in Hitzeschutz, Regenwassermanagement und klimaangepaßte Infrastruktur schultern?
Fiskalische Gerechtigkeit: Der Klima-Lastenausgleich
Unstrittig ist, daß der klassische Küstenschutz überwiegend durch Länder und Bund finanziert wird. Der eigentliche finanzielle Druck entsteht jedoch beim notwendigen Umbau der Stadt selbst. Während der Bund über die CO₂-Bepreisung jährlich rund 18 Milliarden Euro einnimmt, fließen diese Mittel über den Klima- und Transformationsfonds (KTF) derzeit vorrangig in großindustrielle Projekte und Technologieförderung. Die realen Anpassungskosten fallen jedoch vor Ort an – dort, wo Entsiegelung, Grünräume und der Schutz kritischer Infrastruktur erst die Voraussetzung dafür schaffen, daß Wohnen und Wirtschaft auch künftig funktionieren. Es ist daher legitim zu fragen, ob es gerecht ist, daß die Einnahmen aus der Klimapolitik für die Industrie zentralisiert werden, während die Kommunen die Lasten der Standort-Sicherung weitgehend selbst tragen müssen. Ein Klima-Lastenausgleich könnte hier für eine faire Verteilung sorgen und Städte wie Wilhelmshaven handlungsfähig halten.
Wie weiter?
Für eine sachliche Debatte wäre es nun hilfreich, wenn sich neben der Politik auch die Akteure des Marktes äußern würden. Einschätzungen von lokalen Banken, Versicherungen, Immobilienmaklern sowie den Bauvereinen könnten helfen, die Folgen des Ratings realistisch einzuordnen. Wie wirken sich Klimarisiken tatsächlich auf Preise, Mieten und Finanzierungen aus? Über Klimarisiken zu sprechen heißt nicht, Angst zu schüren. Es heißt, die ökonomische Realität ernst zu nehmen und politisch verantwortlich darauf zu reagieren.
Euer OB-Kandidat-Kandidat Andreas Tönjes
Quellenverzeichnis
- Der Klimarisiko-Index (Die 5,9): Die Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Zusammenarbeit mit der Ergo. Sie bildet die Grundlage für die Risiko-Einstufung. IW Köln – Klimarisiko-Index für Deutschland
- ZÜRS Geo (Versicherungseinstufungen): Informationen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) darüber, wie Immobilien in Gefährdungsklassen eingeteilt werden. GDV – Naturgefahren-Check und ZÜRS-System
- Umlagefähigkeit von Versicherungen (§ 2 BetrKV): Der Gesetzestext, der belegt, daß Versicherungsprämien zu den auf Mieter umlegbaren Betriebskosten gehören. Gesetze im Internet – Betriebskostenverordnung § 2
- Klima- und Transformationsfonds (KTF): Der offizielle Wirtschaftsplan und die Erläuterung der Einnahmen aus der CO2-Bepreisung durch das Bundesfinanzministerium. Bundesfinanzministerium – Der Klima- und Transformationsfonds
- Naturgefahrenbilanz Niedersachsen: Aktuelle Daten des GDV zu den Schadenssummen und zur Versicherungsdichte speziell für unser Bundesland. GDV – Naturgefahrenbilanz Niedersachsen
