OB Wahl 2026

Veröffentlicht am 6. Januar 2026 von Andreas Tönjes
Ratsherr Tönjes

Schön, daß ihr wieder da seid. Und ein herzliches Willkommen an alle, die heute zum ersten Mal hierher gefunden haben. Es ist schön, daß Sie da sind!

Ich hoffe sehr, daß Sie die ersten Tage dieses neuen Jahres 2026 in Ruhe verbringen konnten. Ich wünsche Euch und Ihnen von Herzen Glück, Zufriedenheit und vor allem die Kraft, die kleinen Momente des Friedens zu bewahren. Diese Wünsche sind für mich keine Floskeln; in einer Welt, die immer lauter, schneller und unübersichtlicher wird, ist die Fähigkeit, bei sich selbst und bei seinen Nächsten anzukommen, vielleicht unser kostbarstes Gut. Ich freue mich darauf, diesen Weg des Hinterfragens auch in diesem Jahr gemeinsam mit Euch und Ihnen weiterzugehen.

Doch wenn es bei uns still wird, kommen oft auch die Gedanken, die wir im Trubel des Alltags lieber wegschieben. Ich muss Euch und Ihnen gestehen, daß mich dieses Jahr mit einer tiefen Unruhe empfangen hat. Ich habe meine ersten Arbeitstage damit verbracht, mich intensiv mit der Lage in Venezuela zu beschäftigen, einem Land, das uns gerade wie ein dunkler Spiegel unserer eigenen Zeit erscheint.

Was wir dort sehen, ist weit mehr als eine ferne Wirtschaftskrise; es ist das schmerzhafte Sichtbarwerden eines totalen Zusammenbruchs unseres bisherigen globalen Wertesystems. Es ist der Moment, in dem das Recht vor der Barbarei zu kapitulieren scheint. Wir sahen kurzzeitig unkritische Jubelstimmen, als es zur „Entnahme“ Maduros kam, doch die Hoffnung auf einen echten Wandel wurde schnell durch die kühle Logik Washingtons desillusioniert.

Statt der erhofften Freiheit für die vielen politischen Gefangenen sehen wir nun einen neuen „Deal“: Eine Kooperation mit den Resten des alten Regimes, nun unter Delcy Rodríguez, geleitet von reinem Pragmatismus und dem Zugriff auf das Öl. Es zeigt uns auf grausame Weise: Kleinere Staaten verwalten oft nur noch ihre Abhängigkeit von den Weltmächten, während auch die EU nur machtlos am Katzentisch sitzt und zu „Völkerrecht“ mahnt, das längst zur Verhandlungsmasse geworden ist.

Das ist die gefährlichste Nachricht dieses jungen Jahres: Russland und China könnten dieses Vorgehen als Blaupause für ihre eigene Politik nehmen. Wenn die Ordnungsmacht USA moralische Prinzipien gegen strategische „Deals“ eintauscht, verlieren wir jede Grundlage, andere für ihr Handeln zu kritisieren. Die Welt wird zum Marktplatz der Stärkeren, auf dem Werte nur noch Preisschilder sind.

Nicht nur dort fühlen sich die Menschen der nackten Willkür überlassen, ein Zustand der Ohnmacht, der viele von uns auch hier erfasst hat. Denn wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir uns fragen: War der Preis für unseren wirtschaftlichen Wohlstand nicht schon immer der schleichende Ausverkauf unserer gesellschaftlichen Werte? Putin und Xi haben uns diesen Spiegel unserer eigenen Werte immer wieder vorgehalten. Wir haben uns beschämt weggedreht und das lange verdrängt, haben uns in der Bequemlichkeit eingerichtet, solange die Fassade und ihr Fundament hielt. Doch nun bröckelt sogar das Fundament dieser Fassade, und wir stehen plötzlich ohnmächtig da, weil auch die letzte Großmacht, die USA unter Trump, uns die gemeinsame Basis nimmt.

In Berlin begegnet uns diese Ohnmacht als kühle Distanz. Eine Regierung unter Friedrich Merz scheint im Verwalten erstarrt zu sein, führungslos in einer Zeit, in der Orientierung für uns alle überlebenswichtig wäre. Merz begegnet unserer existentiellen Verunsicherung mit einer kühlen, fast empathielosen Distanz. Sein ständiges Mantra, die Lage sei „hochkomplex“, wirkt wie ein intellektuelles Schutzschild, hinter dem er sich verschanzt. Anstatt verbindend zu agieren und uns eine Richtung aufzuzeigen, wird „Komplexität“ als Theorem genutzt, um Taktieren in der Handlungsunfähigkeit zu rechtfertigen.

In Hannover setzt sich das leider fort: Unter Ministerpräsident Olaf Lies wird die harte Realität mit gefälliger Rhetorik weichgezeichnet, bis jede Dringlichkeit im verbalen Balsam verschwindet. Wenn die Landesführung unsere Sorgen mit wohlklingenden Worten glattbügelt, anstatt die strukturellen Konflikte mit dem Bund für uns auszufechten, bleibt für uns vor Ort nur die nackte, bittere Statistik.

Hier bei uns in Wilhelmshaven schlägt all das ungefiltert auf. Doch was mich am meisten beunruhigt, ist nicht nur die Zahl der aktuellen IW-Studie – dieser Klimarisiko-Index von 5,9, der uns als bundesweite Frontlinie markiert. Es ist das, was diese Nachricht in unserer Stadt auslöst. Wenn wir in die sozialen Netzwerke schauen, sehen wir das Ausmaß unserer inneren Erosion: Die Diskussion ist oft schon vergiftet, bevor sie überhaupt begonnen hat. Während die einen mit hämischen „Lach-Emojis“ auf die Bedrohung ihrer eigenen Heimat reagieren, erschöpfen sich andere in gegenseitigen Beschimpfungen. Da wird über Grammatik gestritten, anstatt über unseren Küstenschutz; da wird „trolliert“, während die Versicherungsprämien für das eigene Haus für viele von uns unbezahlbar werden.

Diese giftige Atmosphäre ist das Resultat der Ohnmacht. Wenn Menschen spüren, dass die Politik sie allein lässt, flüchten sie in den Zynismus. Doch wir wissen: Ein „Lach-Smiley“ baut keinen Deich höher.

Und was tun unsere lokalen Akteure in diesem wichtigen Wahljahr? Da begegnet uns die eine Seite, die uns mit „systematischen Wirkungsanalysen“ beruhigen will, eine rein bürokratische Antwort auf unsere emotionalen Ur-Ängste. Und da ist die andere Seite, die mit symbolischen Gesten wie roten Decken auf Parkbänken versucht, Wärme zu spenden, wo eigentlich ein strukturelles Feuer brennt.

Beide Ansätze gehen an unserer Realität vorbei. Was uns fehlt, ist nicht das nächste freundliche Wort oder die nächste Excel-Tabelle. Was uns fehlt, ist der Mut, endlich die Systemfrage zu stellen. Wenn oben delegiert wird und man in der Mitte lächelt, während unten bei uns das Wasser steigt und das Geld fehlt, dann ist das schlichtweg politisches Versagen.

Vielleicht müssen wir Wohlstand neu definieren, als das Maß unserer Unabhängigkeit. Unabhängigkeit von einem System, das uns hier in Wilhelmshaven als „Endlager“ der Verantwortung missbraucht.

Zusammen mit einer digitalen Analyse habe ich einen Text für Euch und Sie geschmiedet. Er fordert das Unausweichliche: Einen Klima-Lastenausgleich.